Suhl: Nachtrag zur Razzia gegen „Blood & Honour“

Am 12. Dezember kam es in mehreren Bundesländern zu Razzien bei Neonazis. Ihnen wird vorgeworfen das verbotene Netzwerk „Blood&Honour“ im Untergrund weitergeführt und die Vertriebsstrukturen mit ihren Verbindungen ins Ausland aufrecht erhalten zu haben. Dabei traf es u.a. Neonazis in Suhl und Benshausen. Im folgenden Nachtrag wollen wir einen der Hauptakteure kurz vorstellen und seine Verbindungen in die organisierte Neonaziszene aufzeigen.

Einige Zeit nach den ersten Berichten in den Medien über die Razzia folgte ein ausführlicher Artikel in der TAZ. In Suhl kam es bei der Razzia zu einer Festnahme von „Sven B.“, wobei es sich um Sven Büschen handelt. Ihm sowie weiteren Neonazis wirft die Generalbundesanwaltschaft aus München die Wiederbelebung von „Blood & Honour“ vor. Dabei sollen die Verdächtigen aus Ungarn Kleidung, Musik-CD’s und Merchandise des Netzwerkes geschmuggelt und weiterverkauft haben.

Combat 18 / Blood & Honour Südthüringen

Bereits in der Vergangenheit geriet eine Clique aus Suhler Neonazis immer wieder in den Verdacht Teil eines Netzwerkes zu sein, das „Blood & Honour“ bzw. dessen militanten Ableger „Combat 18“, im Untergrund weiterführte. Zu eben dieser Gruppe gehören Sven Büschen, Marcus Russwurm und Stefan Fahrenbach aus Suhl.

Anfang November 2016 kam es zu Razzien bei insgesamt vier Personen in Suhl, wobei gegen Büschen, Russwurm und Fahrenbach bereits im Vorfeld wegen der Mitgliedschaft bei „Blood&Honour Südthüringen“ ermittelt wurde. Trotz der Razzia und den Ermittlungen gegen die Südthüringer Nazis wurde das Verfahren mittlerweile eingestellt, gegen keinen der Verdächtigen kam es zu einer Anklage.

Im Juli 2018 folgte dann auf einer Rechercheplattform ein umfangreiches Dossier zu „Combat 18“-Strukturen in Deutschland. Dabei wurde nachgewiesen, dass es Verbindungen nach Südthüringen zur genannten Personengruppe gibt. Als federführend wurden die „Turonen/Garde 20“ als Gruppe genannt, wobei deren Mitglieder „Kontakte ins B&H/C18-Netzwerk, vor allem zu Aktiven in der Schweiz“ unterhalten. Diese Gruppe war bereits am 25. Oktober 2016 an einem Rechtsrockfestival im Schweizer Toggenburg beteiligt, bei dem Bands aus dem verbotenen Netzwerk auftraten sowie dessen Banner im Konzertsaal angebracht waren. Aus eben jener Gruppe begingen Neonazis 2014 in Ballstädt im Landkreis Gotha einen brutalen Überfall auf eine Kirmesgesellschaft und verletzten mehrere Personen zum Teil schwer. Für diese Tat wurden u. a. Marcus Russwurm und Stefan Fahrenbach vom Landgericht in Erfurt verurteilt. Den beiden Suhler Neonazis konnte das Gericht eine Tatbeteiligung nachweisen. Im Laufe des Prozesses gaben die Neonazis an, auf einer Geburtstagsfeier in Suhl gewesen zu sein, von der sie gemeinsam nach Ballstädt aufgebrochen seien. Das vermeintliche Geburtstagskind war laut den Angaben der Nazis Sven Büschen. Ob es sich dabei wirklich nur um ein kameradschaftliches Besäufnis einer Neonazibande handelte oder gar mehr an dem Abend in Suhl geplant war, wie ein illegales Konzert, bleibt offen.

Die Suhler Nazis um Fahrenbach, Russwurm und Büschen waren jedoch nicht nur mit dem Konzert in der Schweiz in Verbindung zu bringen. Bei den Nazifestivals in Themar, bei Konzerten in Kloster Veßra und auch 2018 in Apolda tauchten sie als Helfer oder Teilnehmer auf. In der Vergangenheit versuchte Marcus Russwurm auch immer wieder Lagerhallen oder Vereinsstätten in Suhler Kleingartenanlagen zum Teil erfolgreich für private Veranstaltungen zu mieten und dort Rechtsrockkonzerte auf Spendenbasis zu organisieren, zum Teil mit Szenegrößen wie „Lunikoff“.

In der Einschätzung der Recherche-Plattform Exif zu den Südthüringer Neonazis heißt es:
Die „Blut und Ehre“-CD von «Erschießungskommando» wurde nach dem Konzert in Toggenburg im Oktober 2016 von Stefan Fahrenbach massenhaft in geschlossenen Gruppen sozialer Netzwerke zum Kauf angeboten. Schon davor vertrieb er über diese nicht öffentlich einsehbaren Gruppen CDs der Bands «Landser» und «Terrormachine», sowie Sampler von «NS Records» und «Blood & Honour». Der «Turone» Fahrenbach ist bundesweit und international bestens vernetzt und überwies im März 2015 auf das C18-Konto von Stanley Röske 400 Euro. […]
Der «Turone» Marcus Russwurm aus Römhild ist ein weiteres Bindeglied der Thüringen-Schweiz-Connection. Er trägt ein «Combat 18» Deutschland-Tattoo auf dem Hinterkopf und lebte 2014 zeitweise in Zürich in einer Wohngemeinschaft mit Alexander Gorges und Erika Pavano (heute Erika Buchwald), die als „Organisationsfrau“ von B&H/C18 in der Schweiz gilt. Gegen Fahrenbach und Russwurm läuft seit Jahren ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Vereinigungsverbot. Weiter ist der bereits erwähnte Sven Büschen in das Verfahren involviert. Der seit den 2000ern aktive Neonazi ist als Schläger bekannt. Im Februar 2002 griff er mit einer Gruppe zusammen Gäste einer Karnevalsveranstaltung vor der Gaststätte „Höhle“ in Mehlis an. Dabei töteten sie beinahe eine Person. Heute sollen die drei einer Gruppe «Blood & Honour Südthüringen» angehören, die – laut Polizei – die Aktivitäten des in Deutschland verbotenen B&H weiterführe. In Südthüringen repräsentiert auch die Band «Unbeliebte Jungs» das Spektrum von B&H – sie spielten im März 2016 auf einer B&H/C18-„Geburtstagssause“ im österreichischen Vorarlberg. Bis vor Kurzem wirkte in der Band auch Marcus Russwurm mit.[…]
Die „Blut und Ehre“-CD von «Erschießungskommando» wurde nach dem Konzert in Toggenburg im Oktober 2016 von Stefan Fahrenbach massenhaft in geschlossenen Gruppen sozialer Netzwerke zum Kauf angeboten. Schon davor vertrieb er über diese nicht öffentlich einsehbaren Gruppen CDs der Bands «Landser» und «Terrormachine», sowie Sampler von «NS Records» und «Blood & Honour». Der «Turone» Fahrenbach ist bundesweit und international bestens vernetzt und überwies im März 2015 auf das C18-Konto von Stanley Röske 400 Euro.

Einmal mehr zeigt sich, dass militante Neonazinetzwerke in Südthüringen weiter aktiv sind. Abzuwarten bleibt, inwiefern die Ermittlungen in diesem Fall den Strukturen schaden. Der vermeintliche Schlag im November 2016 gegen „Blood&Honour Südthüringen“ war nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wir dokumentieren den Bericht der TAZ:

Schon vor Jahren wurde das Netzwerk verboten, doch Neonazis hielten das Label weiter aufrecht. Nun gehen Ermittler dagegen vor.

BERLIN taz Als die Ermittler kürzlich zu Sven B. kamen, trafen sie auf einen einschlägig Bekannten. Der Thüringer bewegt sich seit Jahren in der rechtsextremen Szene, zuletzt im Umfeld einer Schlägertruppe aus Ballstädt. Nun ging es um Blood & Honour. Sven B. soll die verbotene Gruppierung mit anderen Rechtsextremen wiederbelebt haben. Deshalb rückten die Beamten Mitte Dezember zu Razzien aus.

Insgesamt zwölf Personen wurden durchsucht, neben Thüringen auch in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Sachsen-Anhalt. Vier Männer wurden festgenommen, darunter Sven B. Sie hätten versucht, eine neue „Verwaltungsstruktur“ für Blood & Honour in Deutschland aufzubauen, mit Sektionen in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und „Mitteldeutschland“, so die Generalstaatsanwaltschaft München. Über die Marke sollte erneut „rechtsextremistisches Gedankengut“ verbreitet werden.

Auch wenn der Einsatz einige Tage zurückliegt, beschäftigt er die Politik noch immer. Denn Blood & Honour wurde bereits 2000 verboten – und noch im September beteuerte die Bundesregierung, es gebe keine Wiederbetätigung. Nun aber rückte die Polizei genau deshalb aus.

Sie sei schon etwas überrascht, sagt die Linken-Innenexpertin Martina Renner. Seien die Behörden bei Blood & Honour zuletzt durch „jahrelange Untätigkeit und Verharmlosung“ aufgefallen. Auch die Grünen-Innenpolitikerin Irene Mihalic nennt es „erstaunlich“, dass die Bundesregierung keine Wiederbetätigung sah – trotz „wiederkehrenden Meldungen über Aktivitäten im Umfeld von Blood & Honour“.Combat 18 / Blood & Honour Südthüringen

Propaganda für einen Rassenkrieg

Tatsächlich hatte Blood & Honour die rechtsextreme Szene lange geprägt – und seinen Nimbus auch nach dem Verbot bewahrt. Die Gruppe ist international aufgestellt, hierzulande organisierte sie Rechtsrockkonzerte, vertrieb CDs. Und propagierte Gewalt: Sie beschwor einen „Rassenkrieg“, hantierte auch mit Waffen. Als 1998 die späteren NSU-Terroristen Beate Zschä­pe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos untertauchten, waren es auch Blood-&-Honour-Mitglieder, die ihnen dabei halfen. 2000 folgte dann das Verbot durch den damaligen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD): Die Gruppe sei rassistisch und kämpfe gegen die Verfassung.

Dennoch tauchte das Label in der rechtsextremen Szene weiter auf, zuletzt etwa auf Rechtsrockfestivals in Ostritz oder Themar. Auch frühere Mitglieder blieben aktiv. Einige sammelten sich in dem radikalen Ableger „Combat 18“ – der zuletzt mit Schießübungen in Tschechien auffiel. „Trotz Verbot nicht tot“, lautete ein Slogan in der Szene.

Schon 2016 gab es Ermittlungen in Thüringen, ob dort Blood & Honour reaktiviert wurde – das Verfahren blieb ergebnislos. Nun ist die Münchener Generalstaatsanwaltschaft aktiv. Die jetzt Beschuldigten hätten bereits verbotene Blood & Honour-CDs und Merchandise-Artikel aus dem Ausland hierzulande vertrieben, heißt es dort. Bei den Razzien wurden entsprechende CDs gefunden, auch eine Fahne und ein Dolch mit Hakenkreuz, Schlagstöcke und Schlagringe. Laut bayerischem Innenministerium waren die Beschuldigten „wahrscheinlich Teil eines internationalen Rechtsextremistennetzwerks“. Hinweise auf sie seien vom Landesamt für Verfassungsschutz gekommen.

Langjährige Aktivisten unter den Durchsuchten

Nach taz-Informationen sind unter den Durchsuchten einige langjährige Szeneaktivisten. So soll der Thüringer Sven B. schon vor Jahren bei rechten Gewalttaten und Szeneaufmärschen dabei gewesen sein, auch „Combat 18“ wurde er zugerechnet – dem Blood & Honour-Ableger. Beschuldigt ist auch Alexander S. aus Baden-Württemberg: Er gehörte zu den Anführern der 2016 verbotenen „Weiße Wölfe Terrorcrew“. Auch diese Gruppe hantierte mit Symbolen von Blood & Honour. Intern nannte sie sich „28er“ – nach dem zweiten und achten Buchstaben des Alphabets, B und H, für Blood & Honour.

Die Bezüge waren also wenig verhohlen. Das Bundes­innenministerium gibt sich nun wortkarg: Zu Strafverfahren der Länder äußere man sich grundsätzlich nicht, so ein Sprecher. Die Ergebnisse würden aber in die „fortlaufende Bewertung“ von Blood & Honour einbezogen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nennt die aktuellen Razzien derweil einen „empfindlichen Schlag“ gegen Rechtsextremisten: „Das zeigt, dass Polizei und Verfassungsschutz solche Umtriebe genau im Blick haben.“ Der bayrische SPD-Innenpolitiker Florian Ritter hat daran Zweifel: „Ich glaube ja, dass das Netzwerk nie weg war. Die Staatsregierung hat hier stets beschwichtigt.“

Auch die Grünen-Politikerin Mihalic fordert „endlich valide Analysen, um derartige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen“. „Durch Ignoranz kann man das Problem erstarkender rechtsextremistischer Netzwerke jedenfalls nicht lösen.“ Und für die Linken-Innenpolitikerin Renner „bleibt abzuwarten, ob die Behörden nun endlich Druck auf das Netzwerk ausüben, der dessen Bedeutung im Rechtsterrorismus gerecht wird“.

Sven Büschen, Denny Schön und Marcus Russwurm (v.l.n.r.) am Rande einer NPD-Kundgebung in der Suhler Innenstadt im August 2014.
Sven Büschen, Denny Schön und Marcus Russwurm (v.l.n.r.) am Rande einer NPD-Kundgebung in der Suhler Innenstadt im August 2014.

Stefan Fahrenbach als Ordner und Helfer beim Neonazifestival in Themar am 15. Juli 2017.
Stefan Fahrenbach als Ordner und Helfer beim Neonazifestival in Themar am 15. Juli 2017.


Die Sonneberger Band „Unbeliebte Jungs“, 3.v.l. David Söllner, 4.v.l. Marcus Rußwurm, 5.v.l. Ricky Nixdorf.